Änderung zu Lektüretreffen: Mühlgasse 13

Nächste Lektüre-Treffen: Di 30.04.2013- 19Uhr // Sa 11.05.2013- 15Uhr // Di 28.05.2013- 19Uhr
Kritiker_innen und Neueinsteiger_innen sind herzlich willkommen.
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Nächste Lektüre-Treffen: Di 30.04.2013- 19Uhr // Sa 11.05.2013- 15Uhr // Di 28.05.2013- 19Uhr
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Lukács 1919
transLibLab présente Lektürekurs: Was ist Verdinglichung?
Wir lesen & diskutieren den Begründungs-Essay des westlichen Marxismus als Einstieg in das berüchtigte Buch von György Lukács: Geschichte & Klassenbewusstsein. Ab Dez. 2011 zweimal im Monat. Texte vorhanden, keine marxistischals Einstieg in das berüchtigte en und philosophischen Vorkenntnisse nötig (zum Ankündigungstext).
Nächste Lektüre-Treffen im IvI: Di 08.09.2012 19Uhr //Sa 25.09.2012 15Uhr IVI transLib (die queercommunistische Bibliothek im IVI Dachgeschoss)
Material:
Geschichte und Klassenbewusstsein (komplett aber ohne jegliche Seitenkonkordanz)
eine verbesserte Version des 1. Abschnitts des Verdinglichungs-Aufsatzes. (wird ausgebaut)

EINLADUNG ZUM SPEKTAKELBUCHKURS IN DER TRANSLIB WAEHREND DER KUNSTTAGUNG IM IVI
Wir laden ein zur Spektakel-Kritik von Do., dem 21.06. bis So., dem 24.06., in die queercommunistische Bibliothek, 3. Stock, im „Institut für vergleichende Irrelevanz (IVI)“. Der Reader zum Kurs wird in den nächsten Tagen verteilt.
Die Lektüre des Achten Kapitels der „Gesellschaft des Spektakels“ (VIII: Die Negation und der Konsum in der Kultur) soll – durchaus auch in kritisch-aktualisierender Bezugnahme auf Debord – eine Auseinandersetzung mit jenen Themen ermöglichen, die wir in der parallel am selben Wochenende im IvI stattfindenden Kunst-Tagung dringend vermissen:
Der Spektakelbuchkurs wird als kritische Ergänzung der genannten Tagung im Besonderen verstanden sowie als notwendige Kritik des linken Kultur-Elends überhaupt und setzt auf eine friedliche, aber streitbare Koexistenz. Auch Seiten-Einsteiger_innen in die Spektakel-Kritik sind willkommen – wir freuen uns auf zahlreiche Teilnehmer_innen.
Für Kritiker_innen, die auch an Veranstaltungen und dem Rahmenprogramm der Kunsttagung interessiert sind, wird eine Anmeldung erwünscht. Einfach eine E-Mail an: kunsterkenntnisproblem@ymail.com.
Aktuelle Texte und Veranstaltungen:
Lukács 1919
transLibLab présente Lektürekurs: Was ist Verdinglichung?
Wir lesen & diskutieren den Begründungs-Essay des westlichen Marxismus als Einstieg in das berüchtigte Buch von György Lukács: Geschichte & Klassenbewusstsein. Ab Dez. 2011 zweimal im Monat. Texte vorhanden, keine marxistischals Einstieg in das berüchtigte en und philosophischen Vorkenntnisse nötig.
Nächste Lektüre-Treffen im IvI: Di 26.6.2012 19Uhr // Sa 14.7.2012 15Uhr
IVI transLib (die queercommunistische Bibliothek im IVI Dachgeschoss)
Material:
Geschichte und Klassenbewusstsein (komplett aber ohne jegliche Seitenkonkordanz)
eine verbesserte Version des 1. Abschnitts des Verdinglichungs-Aufsatzes. (wird ausgebaut)
TransLibLab présente Lektürekurs – Was ist Verdinglichung?
„Geschichte und Klassenbewusstsein“ -György Lukács- problematische
Begründung des westlichen Marxismus)
im Januar an der FH FFm
Extratermin für Einsteiger_innen:
Samstag 28.01.12., 15Uhr, Geb. 5, 2. OG (Bibliothek, Dachgeschoss, rotes
Haus), Campus FH Ffm, Kleiststr. 5, 60318 Frankfurt
Unsere Mitschnitte der Vorträge von Roswitha Scholz, Christoph Zwi und Magnus Klaue wurden mittlerweile online gestellt: Link
Vielen Dank wie immer an die fleißigen Archivist_innen!
Die Heideggerkritik von Lukács
Der philosophische Dichter und Denker im Lande der Richter und Henker – der (prä- und post-) NS-Ideologe Martin Heidegger – hat vor allem auf einem Gebiet zu siegen nicht aufgehört: bis heute wird „Ontologie“ in einem stereotypen Reflex gerade auch von Linken allererst mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Dass es sich dabei jedoch um eine Pseudo-Ontologie handelt, welche vom „Dasein“, „Seienden“ und „Seinsgrund“ usw. faselt, waehrend sie die begriffliche Bestimmung aller Kategorien und Beziehungen von gesellschaftlichem Sein, Bewusstsein sowie last but not least naturhaften Seinsgrundlagen verbietet und durch Mystizismus ersetzt, dies materialistisch aufzudecken gelang dem Begründer des „westlichen Marxismus“, Georg Lukács, dessen ontologische Kritik aber noch immer weithin verdeckt wird von der Adornoschen Ontologiekritik. Ohnehin wird im fachphilosophischen herrschenden Universitätskanon „Ontologie“ noch stets pauschal als „vor(erkenntnis)kritische Metaphysik“ tabuisiert.
In der bisherigen transLib-Reihe zum Existenzialismus (2010/2011) wurde indes ein spannender Aspekt sichtbar: Es gibt auch Bemühungen um eine kritische Methode der Gesellschaftsanalyse und ihr entsprechende Ethik, die von Karl Marx’ Feuerbachthesen und der Kritik der politischen Ökonomie ausgeht, sich in dieser Perspektive als kommunistisch-revolutionär versteht und gleichwohl sich durchaus als ontologisch basiert begreift. Die phänomenologische oder spekuläre Ontologie von J.P.Sartre, die spektakelkritische der Situationisten und eben die historisch-genetische Gesellschaftsontologie von Lukács wurden bisher benannt. Wenn nun letztere ins Zentrum dieses Vortrags gestellt wird, dann geht es um ein Resümee des Weges, den eine „Neue Ontologie“ seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Heidegger- und in der Lukács-Richtung in unversöhnlicher Divergenz eingeschlagen hat. An jeder Wegmarke erwies er sich erneut als Scheideweg:
-- ob Kategorien oder ob „Existenzialien“ herauszuarbeiten sind,
-- ob es einen „dritten Weg“ zwischen „Idealismus“ und „Materialismus“ oder zwischen „Rationalismus“ und „Irrationalismus“ geben kann,
-- ob Philosophie, Wissenschaft, Theorie und Denken miteinander und mit gesellschaftlicher Praxis revolutionär zusammengehen können,
-- ob Geschichtlichkeit mit theologischen Deutungsmustern zu interpretieren ist oder immer nur als Veränderung der Gegenständlichkeit durch die Menschen begriffen werden kann,
-- ob die Subjektivität oder die Objektivität im gesellschaftlichen Sein, in Raum und Zeit für die Analyse der Bewusstseinsformen und Gesellschaftsformen das Entscheidende ist,
-- und welche Funktion in alledem die Sprache hat …
Jede dieser Entscheidungsfragen wurde von Lukács seit 1920 bis 1970 diametral entgegen den Heideggerschen Denkvoraussetzungen gestellt und beantwortet.
„Das eigentliche Sein zum Tode, d.h. die Endlichkeit der Zeitlichkeit ist der verborgene Grund der Geschichtlichkeit des Daseins.“ (Heidegger) Lukács denunziert dies als Pseudogeschichtlichkeit.
„Heidegger will eine theologische Geschichtsphilosophie für den ‚religiösen Atheismus’ schaffen.“ Die Lukács’sche Ontologie arbeitet ideologiekritisch, indem sie materialistisch bloßlegt, dass und wie Sein wesentlich permanentes Anderswerden ist. „Es ist nicht so, dass sich die Geschichte innerhalb des Kategoriensystems abspielt, sondern es ist so, dass die Geschichte die Veränderung des Kategoriensystems ist. Die Kategorien sind also Seinsformen.“.
Wenn die menschlichen Bewusstseinskategorien die Seinskategorien reflektieren, dann bedeutet ontologische Methode die Analyse von Erscheinungen und Scheinformen in ihrer objektiven Wirkungsmächtigkeit als dialektisches, wesentliches Aufeinandereinwirken der Menschen. Sowohl Lukács als auch Heidegger sprechen von „Verdinglichung“. Doch genau mit der fetischismuskritischen Entfaltung dieses Begriffs legt Lukács die „Pseudoobjektivität“ der „Fundamentalontologie“ Heideggers als subjektivistische, ungeschichtliche — und immer wieder suggestive — Fixierung kapitalistischer Alltagsunmittelbarkeiten bloß. Ihre „philosophische“ Mystifikation hilft Menschen in der „Sorge“ der gesellschaftlichen Krise, sich dem vorgeblichen „Seinsgeschick“ und der „Entschlossenheit“, der “Gelassenheit zu den Dingen“ und dem „Sein zum Tode“ zu unterwerfen.
***
Um 19 Uhr im Saal des IVI.
An dieser Stelle sei auch auf die Gegenaktivitäten der „Linken Fachschaft am Fachbereich 03″ der Uni Marburg angesichts der dort vom 25.-27.11. stattfindenden Tagung der Martin-Heidegger-Gesellschaft verwiesen: Link.
Do 17.11.2011
TransLib (die queercommunistische Bibliothek
im IVI Dachgeschoss, Frankfurt am Main, Kettenhofweg130)
19Uhr: Was ist Verdinglichung?
Wir lesen & diskutieren den Begründungs-Essay des westlichen Marxismus
als Einstieg in das berüchtigte Buch von György Lukács: Geschichte & Klassenbewusstsein.
Texte vorhanden, keine marxistischen und philosophischen Vorkenntnisse nötig.
40 Jahre nach dem Tod des bedeutenden marxistischen Theoretikers (1885 – 1971), der als „enfant terrible“ des Kommunismus immer höchst umstritten blieb, ist die Kontroverse um sein Werk wieder aufgeflammt. Es dreht sich um „Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats“ – so der Titel des großen Essays in seinem Buch von 1923, dessen Wirkungsmächtigkeit im 20.Jahrhundert unbestritten ist und das vor allem die kritische Theorie Adornos und W.Benjamins, aber auch des westlichen Communismus etwa der Situationist_innen zutiefst geprägt hat. Doch Lukács selbst war, als das Buch 1923 erschien, von Marx ebenso wie von Lenin, Rosa Luxemburg, Anton Pannekoek und den unterschiedlichsten, ja widersprüchlichsten Strömungen eines Rätekommunismus und zugleich Partei- und Staatskommunismus durchdrungen, die bis heute ebenso auseinanderdifferenziert wie unaufgehoben geblieben sind. (mehr…)
Magnus Klaue:
ABSCHIED VON DER GESCHICHTSPHILOSOPHIE
Adorno, Sartre und die Sehnsucht nach der positiven Freiheit
Seit einiger Zeit findet in antideutschen Kreisen verstärkt die zuerst von Jean Améry unter dem Schlagwort vom „Jargon der Dialektik“ aufgestellte These Anklang, wonach im geschichtsphilosophischen Entwurf der „Negativen Dialektik“ und in der negativen Anthropologie, wie die „Dialektik der Aufklärung“ sie entwerfe, eine Verwischung der Grenze zwischen Tätern und Opfern der Shoah und eine Leugnung der moralischen Zurechenbarkeit individueller Handlungen wie auch individueller Leiderfahrung angelegt sei. Dadurch mache sich die Kritische Theorie, entgegen ihren Möglichkeiten, blind für die in keine „Dialektik“ auflösbaren Widersprüche der Empirie. In Rückgriff auf die Existenzphilosophie, insbesondere auf Amérys Begriff der Leiberfahrung und Sartres Theorem der „Entscheidung“, versucht etwa Gerhard Scheit in seiner Studie „Der quälbare Leib“, diesem Defizit beizukommen. Der Vortrag möchte es demgegenüber unternehmen, gerade das oft als „negative Teleologie“ abgelehnte Moment des Adornoschen Denkens als notwenige Bedingung geschichtlicher Wahrheitserkenntnis auszuweisen, und daran erinnern, daß an den „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“ (Odo Marquard), in die jeder denkende Mensch durch die reflektierte Erfahrung der Wirklichkeit gestürzt wird, nicht die Philosophie, sondern die Geschichte schuld ist.
Der Vortrag wird am Donnerstag, 1.12., um 19 Uhr im großen Saal des IVI (Kettenhofweg 130) stattfinden.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!
Als erster unserer „Drei Vorträge zur Dialektik von Existenzphilosphie und westlichem Marxismus“ wird am Donnerstag, 10.11. um 19 Uhr im großen Saal des IVI der Vortrag „Simone de Beauvoir heute“ von Roswitha Scholz stattfinden.
Simone de Beauvoirs Buch Das andere Geschlecht spielte in der feministischen Theorie/Genderforschung lange keine Rolle mehr. In letzter Zeit taucht de Beauvoir aber nicht nur in neu erstellten Überblickswerken zu Klassikerinnen des Feminismus wieder auf, zu ihr und ihrer Theorie wurden inzwischen auch vermehrt Tagungen und Veranstaltungen angeboten (was wohl mit ihrem hundertsten Geburtstag 2008 zusammenhängt). Hie und da erinnert man/frau sich wieder an sie. Dies dürfte nicht zuletzt einem Selbstreflexivwerden von Feminismus und Genderforschung in der gegenwärtigen Krisensituation geschuldet sein. Dabei stellen sich die Fragen des „Wie weiter?“ und „Was kommt nach der Genderforschung?“. In den 1970er Jahren hatte sich insbesondere ein Gleichheitsfeminismus mit dem Slogan „Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht“ auf de Beauvoir berufen. Ein Differenzfeminismus bezichtigte sie sodann, männliche Normalitätskriterien auf Frauen anzuwenden. Schließlich wurde ihr in den 1990er Jahren von einem dekonstruktiven Feminismus vorgeworfen, trotz all ihrer Kritik der hierarchischen Geschlechterverhältnisse einem dualistischen Denken verpflichtet geblieben zu sein und eine erneute Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit betrieben zu haben. In dem Vortrag wird eine zeitliche Einordnung des „anderen Geschlechts“ und seiner Bedeutung vor dem Hintergrund der Wert-Abspaltungskritik versucht sowie auf Aspekte hingewiesen, die durchaus noch heute Aktualität beanspruchen können.
Ein Buch, das die Lektüre einer Epoche sein will, legt nur Zeugnis vom unbestimmten Verlauf dieser Epoche ab; ein Buch, das die Epoche tatsächlich verändert, verbreitet auf dem Feld zukünftiger Umbrüche auch den Keim der Veränderung. Wenn für das Handbuch beides gilt, so liegt dies an einer klaren Parteinahme für die Radikalität, für das Primat jenes „Ich“, das in der Welt ist, ohne von der Welt zu sein, und dessen Emanzipation von nun an die Vorbedingung für alle diejenigen ist, die erkennen, dass „leben lernen“ nicht „überleben lernen“ bedeutet.
(Aus: Raoul Vaneigem: Vorwort zur Nachauflage 1991 des Handbuch der Lebenskunst für die junge Generation)
Unter dem Titel „Drei Vorträge zur Dialektik von Existenzphilosphie und westlichem Marxismus“ wird es in den kommenden Monaten eine kleine Fortsetzung der vergangegen Veranstaltungsreihen „Der Gangsterboss des Existenzialismus“ und „Existentialism revisited“ geben.1 Die drei Vorträge sind:
- Roswitha Scholz: „Simone de Beauvoir heute“ (10. 11.)
- Christoph Zwi: „Lukács‘ Heidegger-Kritik“ (24. 11.)
- Magnus Klaue: „Abschied von der Geschichtsphilosophie: Adorno, Sartre und die Sehnsucht nach der positiven Freiheit“ (1. 12.)
Die Vorträge finden jeweils donnerstags, 19 Uhr im Saal des IVI statt.
In diesem Zeitraum soll ebenfalls unser Lesekreis, der sich im Augenblick Sartres Fragen der Methode widmet, und sich derzeit in einer Sommerpause befindet wieder aufgenommen werden. (Vgl.)
Bei Interesse am Lesekreis oder Fragen zur Veranstaltungsreihe kontaktiert uns am besten über die Email-Adresse des Sartre-Lesekreises (jpsartre [ at ] email.de).
Die Ankündigstexte der Vorträge werden rechtzeitig vorher auf dem translib-Blog veröffentlicht.
Wir lesen „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord zu den Themen „Zeit und Geschichte“, „Die spektakuläre Zeit“, „Die räumliche Aufteilung des Territoriums“. Keine Vorkenntnisse nötig, Neueinsteiger in die Spektakelkritik: welcome.
Vom 22. bis 25.9.2011 im IVI, Kettenhofweg 130. Beginn Do. 20 Uhr, Fr. – So. 12 Uhr.
Donnerstag sehen wir die großartige 190 Minuten Dokumentation von Gudie Lavaetz „68″ (über die Bewegung der Besetzungen und den Mai 1968 in Frankreich).
Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Das Buch von 1967 gibt es z.B. hier. Den Film von 1973 gibt es am einfachsten bei Youtube oder bei Ubuweb, aber in bedauernswertem Zustand. Für höhere Qualität muss man etwas suchen. Besser als die zirkulierenden z.T. sehr schlecht übersetzten englischen Untertitel sind die von uns erstellten deutschen: Untertitel ansehen / herunterladen). Protokolle aus vorigen Lektürekursen und sonstige Materialien auf Theorie Praxis Lokal. Reader für das Wochenende: Download.
Weitere Filme von Debord mit deutschen Untertiteln als Stream auf SI-Revue.
Als Ausklang unserer Veranstaltungsreihe Existentialism revisited und zur Fortsetzung der darin angerissenen Diskussionen wollen wir uns gemeinsam in einem langfristig angelegten Lektüreprojekt die Sozialphilosophie des „Gangsterboss des Existenzialismus“ (S.I.), Jean-Paul Sartres erschließen. Bevor wir jedoch zu seinem eigentlichen sozialphilosophischen Hauptwerk, Zur Kritik der dialektischen Vernunft (1960), vorstoßen, lesen wir die wesentlich schmaleren, von Sartre auch als Einleitung zu seinem neben Das Sein und das Nichts (1943) zweitem dicken Philosophie-Schinken konzipierten, Fragen der Methode. Dieses Buch stellt eine intensive Auseinandersetzung mit dem Marxismus seiner Zeit dar und ist als Antwort auf Georg Lukács‘ Schrift Existentialismus oder Marxismus (1951), die eine stellenweise äußerst polemische Kritik an den französischen Existentialisten um Sartre, Merleau-Ponty und de Beauvoir beinhaltet, zu verstehen.
Sartre versucht demgegenüber zu zeigen, dass der französische Existentialismus dem Marxismus nicht entgegengesetzt ist, sondern gegenüber dem zum Dogmatismus, letztendlich sogar zu einer neuen idealistischen Metaphysik, erstarrten ML-Marxismus, als dessen klügsten philosophischen Repräsentaten er Lukács selbst,1 gerade eine Wiederbelebung der ursprünglichen Marxschen Intuitionen darstellt. Denn dieser Marxismus ginge, anders als Marx selbst, nicht mehr von der konkreten Erfahrung des Individuums aus, sondern von platonischen Ideen vergleichbaren Schemata, die sich beliebig auf die Realität anwenden lassen, und wird damit zur theoretischen Rechtfertigung und Entsprechung der (post-)stalinistischen Diktatur. Dies gipfelt im zugleich sehr bescheidenem und unbescheidenem Fazit des Buches:
Der Existentialismus erscheint also als ein aus dem Wissen herausgefallenes Systemfragment. Von dem Tage an, da der Marxismus die menschliche Dimension (d. h. den existentiellen Entwurf) zur Grundlage des anthropologischen Wissens nehmen wird, hat der Existentialismus keine Existenzberechtigung mehr: aufgesogen, überschritten und aufbewahrt durch die totalisierende Bewegung der Philosophie, wird er aufhören, eine besondere Untersuchung zu sein, um die Grundlage aller Untersuchungen zu werden. (S. 194)
Wie dieser Satz genau zu verstehen ist, wie Sartre überhaupt zu dieser provokanten These kommt und wie er von dort aus seine umfassende Untersuchung der Bedingungen und Möglichkeiten dialektischen Denkens überhaupt in der Kritik („Kritik“ ist hier also im Kantschen Sinne, nicht in einer platten Negation des dialektischen Denkens zu verstehen) unternimmt, dies wird Gegenstand unseres Lektüreprojekts sein. Dabei ist unser Erkenntnisinteresse selbstverständlich nicht bloß historisch (was hat Sartre gesagt?), sondern Sartres Ansatz als auch für heutige Debatten fruchtbaren Versuch zu lesen, eine umfassende Antwort auf die wesentlichen Fragen nicht nur der Philosophie als akademischer Disziplin, sondern der kritischen Theorie als Selbstreflexion der „wirklichen Bewegung“, die zum Communismus treibt, zu geben: Wie verhalten sich Theorie und Praxis zueinander? Was kann „Anthropologie“ in einem materialistischem Sinne heißen? Wo ist der methodische Ausgangspunkt bei der Erforschung und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse zu nehmen? etc.
Diese und verwandte Fragen stehen nicht am Rand, sondern im Zentrum von Sartres sozialphilosophischen Reflexionen und sie lassen sich so als Einführung in die marxistische Philosophie und Philosophiekritik überhaupt lesen. Gleichzeitig muss dabei stets kritisch mitgedacht werden, ob Sartre seinem eigenen Anspruch (so dieser überhaupt sinnvoll ist), von der konkret-praktischen Lebenserfahrung des Individuums auszugehen, gerecht wird, ob er unserer heutigen Lebenserfahrung (noch) gerecht wird und ob es ihm tatsächlich gelingt, den Existentialismus in einem reformuliertem Marxismus aufzuheben. Doch vielleicht gelingt es Sartre tatsächlich, Aspekte kritischer Theorie begrifflich-stringent zu beleuchten, die in den heute dominanten Spielarten (Poststrukturalismus, Frankfurter Schule) verloren gegangen sind.
Diskutiert haben wir bisher nur das erste Kapitel. Ein Einstieg ist derzeit also sehr gut möglich. Der nächste Termin, in dem wir mit der Diskussion des zweiten Kapitels beginnen wollen, ist am 19. 7. um 18 Uhr im translib-Raum (3. Stock im IVI). Für weitere Fragen wendet euch an die E-mail-adresse des Sartrelesekreises, jpsartre [ at ] email.de. Eine umfassende Dokumentation der bisherigen Aktivitäten rund um den Existenzialismus in Frankfurt findet sich auf dem Blog La vache qui rit.